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Thomas Hestermann: Fernsehgewalt und die Einschaltquote. Welches Publikumsbild Fernsehschaffende leitet, wenn sie über Gewaltkriminalität berichten

Zusammenfassung

„Für die Medien ist das Thema Kriminalität, Verbrechen, vor allem Sexualdelinquenz, ein wunderbares Thema“, schreibt die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen (2004: 199). Die Autorin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, selbst vielfach interviewte Akteurin der Gerichtssäle, hält vor allem das Fernsehen für den Vorreiter einer emotionalisierten Berichterstattung, die sie zurückführt auf den „gnadenlosen Wettbewerb um Einschaltquoten“ (ebd.: 200). Doch gesicherte Erkenntnisse über die Entstehung medialer Gewalt gibt es kaum. Die Kommunikatorforschung hat dieses Thema bislang vernachlässigt.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, journalistische Mechanismen in der Fernsehberichterstattung über Gewaltkriminalität empirisch zu erklären. Aus dem theoretischen und empirischen Vorverständnis heraus ist die Annahme erkenntnisleitend, dass die journalistische Publikumsorientierung dabei wesentlich ist. Im Mittelpunkt steht daher die Frage: Welches Publikumsbild leitet Journalistinnen und Journalisten, wenn sie im Fernsehen aktuell über Gewaltkriminalität berichten? Dazu wurden Programmverantwortliche selbst befragt.

33 Männer und Frauen aller Altersgruppen von der Reporterin bis zum Redaktionsleiter, die in öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern für Fernsehformate von RTL explosiv bis zur Tagesschau tätig sind, geben unter dem Schutz der Anonymität Einblick in ihre Deutungs- und Handlungsmuster. Was sie sagen, wird abgeglichen mit den Ergebnissen einer Programmanalyse von 216 Nachrichtensendungen und 128 Ausstrahlungen von Boulevardmagazinen aus vier Programmwochen, die 264 Beiträge über Gewaltkriminalität im Inland enthalten.

Das Fazit der Studie stützt die Annahme: Die Publikumsorientierung ist ein zentraler Maßstab journalistischen Handelns aller Interviewten – lediglich die für öffentlich-rechtliche Nachrichten Tätigen nennen auch publikumsunabhängige Kriterien als handlungsleitend. Ein rigoroser Eigensinn, das zu berichten, was aus journalistischer Sicht wichtig ist, völlig unabhängig davon, ob es das Publikum interessiert, lässt sich aus keinem der geführten Interviews empirisch bestätigen. Streng genommen orientieren sich Journalistinnen und Journalisten allerdings nicht am Publikum selbst, sondern an dem unscharfen Bild, das sie sich von ihrem Publikum formen. Dieses Bild speist sich vor allem aus den Messwerten der Sehbeteiligung, allgemein als Quoten bezeichnet.

Anders als neuere quantitative Befragungen nahelegen, kommt es kaum zum unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum und damit zu großen Zweifeln über dessen tatsächliche Bedürfnisse. Ein Nachrichtenredakteur und Moderator bringt es auf den Punkt: „Ich sehe nur in die Kamera, nicht in die Wohnzimmer.“ Keineswegs nehmen die Befragten an, dass Berichte über Gewaltverbrechen per se publikumsattraktiv sind.

Die interviewten Journalistinnen und Journalisten zeigen sich überzeugt, dass Emotionen der Schlüssel sind, um ihr Publikum mit Kriminalitätsthemen zu erreichen, vor allem die Furcht der Zuschauenden um sich selbst und ihr nahes Umfeld sowie das Mitgefühl mit Verbrechensopfern. Weder Furcht noch Mitgefühl lassen sich reflexhaft auslösen. Aus journalistischer Sicht haben fünf Nachrichtenfaktoren Einfluss darauf, das Publikum zu erreichen:

1. die Folgenschwere einer Gewalttat,

2. die gefühlte Reichweite im Sinne einer subjektiven Nähe zum Geschehen,

3. die Personalität als Tatverständnis, bei dem Menschen im Mittelpunkt stehen,

4. die Polarität als Gegensatz im Sein und Handeln und

5. die Visualität vor allem mittels bewegter Bilder.

Aus der Einschätzung, dass diese fünf Nachrichtenfaktoren die entscheidenden Kriterien sind, um ein größtmögliches Publikum zu erreichen, leiten die Befragten entsprechende Handlungsmuster ab:

1. die Dramatisierung der Gewalt als eine Fokussierung auf gravierende, vor allem tödliche und sexuelle Gewalt,

2. die Entgrenzung des Schreckens als eine Betonung der Mitbetroffenheit des Publikums,

3. die Personalisierung des Leids als Verdichtung auf die Menschen im Zentrum des Geschehens,

4. die Idealisierung des Opfers als sympathisch, kindlich, weiblich, deutsch und unschuldig und

5. die Schaffung innerer Bilder beim Publikum: das so genannte Kino im Kopf.

Inhaltsanalytisch wird belegt, wie handlungsrelevant die geschilderten Muster sind, beispielhaft seien einige der Ergebnisse genannt: Die Fokussierung auf tödliche bzw. sexuelle Gewalt ist deutlich. 72 Prozent aller im Untersuchungszeitraum berichteten Gewalttaten sind Tötungsdelikte. Über Sexualmorde wird, gemessen an der polizeilich erfassten Fallzahl, zehnmal so umfangreich berichtet wie über sonstige tödliche Gewalt. Eine Erfassung zahlreicher soziodemographischer Merkmale der im Fernsehen dargestellten Personen zeigt die Idealisierung des Opfers. Bei gleich viel polizeibekannten Gewaltdelikten wird über Kinder zwischen 6 und 13 Jahren 43-mal so oft berichtet wie über Gewaltopfer, die älter als 60 Jahre sind. Gewalt an Mädchen und Frauen wird überproportional häufiger dargestellt, die Gewalt an nichtdeutschen Personen fast vollständig ausgeblendet.

Öffentlich-rechtliche und private Sender unterscheiden sich nicht generell in der Berichterstattung über Gewaltkriminalität, bedeutsam ist die jeweilige Sendungsform. So berichten die Nachrichten des Privat-TV im Untersuchungszeitraum fünfmal so umfangreich über Gewaltkriminalität im Inland wie die öffentlich-rechtlichen Nachrichten, andererseits die öffentlich-rechtlichen Boulevardmagazine mehr als doppelt so viel wie ihre private Konkurrenz.

Die Untersuchungsergebnisse fordern das journalistische Selbstverständnis heraus. Zu fragen ist, ob ein publikumsorientierter Journalismus tatsächlich nicht anders kann, als immer wieder aufs Neue Klischees von Gewaltkriminalität zu produzieren, um das Publikum emotional zu erreichen.

Thomas Hestermann wurde im Oktober 2009 am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der HMT Hannover mit Auszeichnung (summa cum laude) promoviert.

Summary

‚Crime, especially sex crime, is a wonderful subject for the media,’ writes Gisela Friedrichsen, reporter on court cases (Friedrichsen 2004: 199). As a staff writer for the news magazine ‘Der Spiegel’, she has often been interviewed about her work, and she considers television as the driving force behind a style of reporting which appeals to the emotions, putting this down to the ‘merciless competition for television ratings’ (ibid.: 200). However, there is hardly any solid knowledge about the emergence of media violence. Communicator research has neglected this subject up to now.

The publication at hand aims to offer an empirical explanation of journalistic mechanisms in the television reporting on violent crime. This study is guided by the prior theoretical and empirical understanding of journalists basically following their assumptions of what the target viewers want so see on television. Thus, the central question is: Which kind of viewer image guides television journalists when they report on violent crime?

33 journalists were interviewed. Men and women of all age groups, from reporter to editor, working for public and private channels for programmes from ‘RTL explosiv’ to ‘Tagesschau’ give – anonymously – an insight into their interpretations and actions. What they say is compared with the results of an analysis of 216 broadcasts of news and 128 broadcasts of tabloid news shows spread over a period of four weeks containing a total of 264 reports on violent crime in Germany. The result of the study confirms the initial assumption: Audience orientation is a central criterion for all journalists interviewed. Only those who work for the news on public channels also mention criteria which are independent of the audience’s desires, but there is no empirical evidence of journalists reporting on what is important from their own point of view regardless of the viewers’ interests. Strictly speaking, the journalists are not guided by their viewers, but by the unclear image that they have of their viewers. This image is fed in particular by TV ratings.

In contrast to the results of recent quantitative surveys, journalists are hardly ever in direct contact with their viewers and therefore they have considerable doubts about the viewers’ actual interests. A news editor and presenter sums it up like this: ‘I only look into the camera, not into the living-rooms.’ In no way do the interviewees assume that reports on violent crime in themselves are attractive to viewers. The journalists who were interviewed are convinced that emotions are the key for winning over their viewers to crime topics, above all fear for themselves and those close to them as well as sympathy with the victims. However, neither fear nor sympathy can be induced like a reflex.

From the journalists’ point of view, there are five news factors which influence the way they reach the viewer:

1) the seriousness of an act of violence,

2) the range perceived by the audience in the sense of subjective proximity to what has happened,

3) understanding crime mainly as a conflict between people,

4) polarity in being and acting,

5) visuality mainly by moving scenes.

Those interviewed describe these five factors as the decisive criteria in reaching as many viewers as possible and act accordingly:

1) by dramatising violence, focusing on serious, particularly fatal and sexual violence,

2) by delimitating horror, stressing the concern of the audience,

3) by personalising, concentrating on the people in the center of the action,

4) by idealising the victim as pleasant, infantile, female, German and innocent,

5) by creating inner images in the viewer: the so-called cinema in the mind.

A content analysis proves to what extent the patterns described relate to the way journalists act, for instance: There is a clear focus on fatal or sexual violence. 72 per cent of all acts of violence reported in the period covered are killings. Murders committed for sexual motives are reported ten times as extensively as any other cases of letal violence, considering their number according to police statistics. A recording of numerous socio-demographic characteristics of those people shown on television reveals an idealisation of the victim. In cases of violent crime known to the police, there are 43 times as many reports on children between 6 and 13 years as there are on victims of violence over 60 years. Violent crimes committed against girls and women are reported on far more often than violent crimes against males, and there are almost no reports on violent crime against non-Germans.

Public and private channels do not generally differ in the way they report on violent crime. It is the kind of programme that matters. In this way, the news on private television reports five times as much on violent crime as the news on public channels in the period covered. On the other hand, the public channels report more than twice as much on violent crime in their tabloid news shows as their private competitors. These empirical results are a challenge to journalistic self-concept. The question is whether journalism aimed at the viewer really cannot do any better than to produce clichés about violent crime again and again in order to reach the viewer emotionally.

The doctoral thesis of Thomas Hestermann was approved by the Institute of Journalistic and Communication Research of the HMT Hannover in October 2009 summa cum laude.

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